Die Rolle einer Demenz Nurse
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Demenz Nurse Stella

Die wichtige Rolle einer Demenz Nurse

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

aus unserer täglichen Betreuung älterer Patienten mit Gedächtnisstörungen, die alleine oder mit Unterstützung von Familienangehörigen oder Bekannten in unsere Praxis kommen, begegnen wir einem großen Bedarf an Aufklärung. Wir sehen anfangs ihre innere Enttäuschung, dass es eben keine „Pille“ gibt, die ihr Problem einfach löst, damit sich alle wieder ungestört dem Alltag widmen können.

Warum haben Menschen diesen Wunsch? Im Verlauf unseres Lebens ergeben sich immer wieder neue Lebensumstände, auf die wir uns einstellen müssen. Veränderungen fallen uns nicht leicht. Wir lieben die Gleichmäßigkeit, weil sie uns Sicherheit im Alltag gibt.

Warum tun wir uns so schwer, für die Lebensphase nach den Arbeitsjahren einen Lebensplan zu entwickeln? Wir haben unterschiedliche Erfahrungen mit dem Älterwerden von Familienangehörigen, Freunden oder uns umgebenden Menschen gesammelt. Der Gedanke an das Älterwerden ist mit unangenehmen Gefühlen und einer großen Ungewissheit verbunden. Also warten wir lieber erst einmal ab – ohne Plan.

Erste schleichende Veränderungen

Erwachsene Kinder verlassen ihr Elternhaus meistens zu einem Zeitpunkt, an dem die Eltern noch Mitten im Berufsleben stehen und relativ gesund sind. Das Älterwerden der Eltern wird in den nachfolgenden Jahren nicht bewusst wahrgenommen. Jeder geht überwiegend seinem eigenen Leben nach. Behalten wir in unserem Gedächtnis doch von ihnen ein Bild der Agilität und Leistungsfähigkeit. Bei den Begegnungen, die wir pflegen, achten wir nicht bewusst auf schleichende Veränderungen. Und „plötzlich“ nach 20 Jahren ist da eine gravierende Veränderung eines Elternteiles zu bemerken. Wir sehen uns mit der Verantwortung konfrontiert, uns vollumfänglich um alle Belange ihres Alltags zu sorgen. Wir stehen ratlos diesem Umstand gegenüber. Von dieser Situation sind die Patienten selbst, deren Partner, Kinder, Familienangehörige, Freund, Bekannte oder Nachbarn betroffen.

Wie erleben betroffene Patienten diese Veränderung selbst? Wir erwarten von uns selbst vielleicht auch eine Leistungsfähigkeit, wie die, die wir vor 20 Jahre hatten. Wir möchten mehrere Aufgaben gleichzeitig und möglichst viel am Tag erledigen. Am besten 120 und nicht nur 100 Prozent. Wir schätzen unser selbstbestimmtes Leben, freuen uns über viele gesunde und körperlich agile Tage. Doch dann häufen sich Situationen, in denen wir nicht nachvollziehen können, warum wir einen Termin vergessen, den Wohnungsschlüssel verlegen, in die falsche Straße abgebogen sind, uns der Name der Freundin nicht einfällt oder wir im Satz nach einem Wort ringen. Wir werden ungeschickt in der Bewegungsausführung. Wir erleben das unangenehme Gefühl, uns nicht mehr auf unser Gedächtnis verlassen zu können. Das löst Angst aus. Wir üben uns im Vertuschen, werden unsicher, nervös und sind schnell mit Situationen überfordert. Wir schämen uns. Wir reagieren u. U. gereizt oder aggressiv und verleugnen die Defizite.

Der Weg zur Diagnose

Der erste Arztkontakt findet meist erst im moderaten Stadium einer Alzheimer-Demenz statt. Da sind die kognitiven und alltagspraktischen Einschränkungen bereits unverkennbar.

Die „typischen“, von Angehörigen begleiteten Alzheimer-Patienten kommen nicht aus eigenem Antrieb in die Praxis. Sie klagen nicht über eine zunehmende Vergesslichkeit. Sie fühlen sich gesund, reagieren abschweifend und ausweichend, wenn sie das Thema „Gedächtnis“ angesprochen wird. Und tatsächlich, auf den ersten Blick, wirken sie völlig „normal“. Sie sind – bis auf alterstypische Erkrankungen – „gesund“.

Die Senioren in unserer alternden Gesellschaft verdienten Beachtung, Anerkennung, Zuwendung und Integration. Wir brauchen Sensibilität in der allgemeinen Aufklärung. Die Früherkennung ist von großer Bedeutung für die Vorbeugung und das Hinauszögern demenzieller Prozesse. Sie bieten eine Chance, mit ärztlicher Betreuung und einem guten Netz von Unterstützern das selbstbestimmte Leben lange zu erhalten. Wenn es um unser Gehirn und Gedächtnis geht – medizinisch betrachtet – wird es ganz schnell sehr komplex und differenziert. Insofern geben erst verschiedene Untersuchungen Aufschluss und dienen dem Ausschluss anderer Erkrankungen, die eine Gedächtnisstörung begründen können oder – wie bei der Depression – imitieren können.

Wir gelangen prinzipiell nur in einem mehrstufigen Prozess zur Diagnose:

Mit Verlaufs- und Verhaltensbeobachtungen unter Alltagsbedingungen, diagnostischen Maßnahmen und Verlaufskontrollen ist es möglich, die subjektiv kognitiven Störungen im Rahmen normalen Alterns von leichten kognitiven Störungen (MCI = Mild Cognitive Impairment) und Demenziellen Syndromen zu unterscheiden sowie die Art der Demenz (z. B. Alzheimer, Vaskuläre Demenz) zu differenzieren.

Die Aufgaben einer Demenz-Nurse

Eine Demenzfachkraft begleitet die Patienten über viele Jahre und führt die neuropsychologische Testung durch. Der Test selbst dient zur Verlaufsbeobachtung, der Dokumentation und Beurteilung der gegenwärtigen Gedächtnisleistung. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die Alltagskompetenz ziehen.

Die Verhaltensbeobachtung des Patientn und ggf. die Interaktion mit dem begleitenden Partner oder Familienangehörigen hat eine zentrale Stellung. Sie gibt uns Aufschlüsse über das soziale Umfeld des Patienten. Fragen wie „Wie ist das Befinden an diesem Tag?“, „Welche Sorgen und Ängste sind vorhanden?“, „Sind Verhaltensstörungen vorhanden?“ deuten auf das Befinden der betroffenen Person hin. Die Fremdbeurteilung durch die Begleitperson gibt Hinweise über den Tagesablauf und den Grad der Selbstständigkeit bei der Verrichtung von Alltagstätigkeiten.

Wir beobachten das Gangbild des Patienten, Körperhaltung und Körpersprache, Stimmung, Verhalten, Denkmuster, Sprache, Orientierung sowie die Art und Weise, wie die Aufgaben bearbeitet werden.

Wir begegnen Patienten mit Empathie und Respekt, nehmen Ihre Anliegen ernst und hören zu. Wir lenken sie durch die Aufgaben, motivieren sie zum Ausprobieren, geben ihnen Mut zur Lücke und lachen gemeinsam. Hier muss sich niemand beweisen. Hier sind „Fehler“ erlaubt, denn wir wollen sehen, was gut und nicht was nicht mehr gut gelingt und die Betroffenen nicht vorführen. Wenn die Patienten nach der Untersuchung sagen: “Ach, das hat mir heute wieder Spaß gemacht mit Ihnen“ und aufrecht und fröhlich aus dem Raum gehen, erkennen wir, wie wichtig dieser Kontakt mit uns für sie ist.

Unsere gesammelten Informationen helfen dem Arzt, ein Gesamtbild vom Patienten zu erhalten und Veränderungen zu erkennen. Die Dokumentation unserer Ergebnisse und Beobachtungen ist dabei ganz entscheidend.

Ihre Stella Schönnagel

neuRo Nurse
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